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Flüchtlings-Roundup

Vorwort

Nachdem ich langsam nicht mehr damit hinterher komme in sozialen Netzwerken Erklärungen zu posten, belebe ich zu diesem Anlass meinen alten Blog wieder. Folgend lest ihr einen Versuch die aktuelle Entwicklung ohne ausschweifende oder unverständliche Eskapaden übersichtlich zusammenzufassen. Weiterhin werden Begriffe kurz erklärt und/oder Erklärungen verlinkt. Dazu sei noch gesagt: Ich möchte weitgehend neutral bleiben, dennoch ist das hier ein BLOG und spiegelt meine persönlichen Ansichten selbstverständlich wieder.

Daten zum Flüchtlingsphänomen

Andere haben sich bereits die Mühe gemacht das gut aufzubereiten. Ich wiederhole mich hier also nicht, sondern verweise an die Süddeutsche Zeitung. Im verlinkten Artikel findet ihr Zahlen zum Thema aus solider Quellenlage. Kurz zusammengefasst: Europa nimmt lediglich 6% der Flüchtlinge auf. Allein im Libanon und der Türkei werden zusammen mehr als 3 Millionen Menschen versorgt. Im Bereich „Asylsuchende pro Millionen Einwohner“ belegt Deutschland den 5ten Platz mit 3065. Also 3065 Flüchtlinge auf 1 Million Einwohner Deutschlands. Schweden: 8425. Ungarn: 7450. Österreich: 4015. Malta: 3625. Ungarn und Malta stechen besonders hervor. Malta hat ein BIP (Bruttoinlandsprodukt = Summe aller Waren & Dienstleistungen eines Landes, die innerhalb eines Jahres zur Verfügung gestellt werden, Daten von 2013 Quelle) 9545 Millonen Dollar, Ungarn 132426 Millionen. Deutschland kommt mit 3636959 Millionen Dollar daher. Unser BIP ist also 27 mal so groß wie das von Ungarn und weniger als halb so viele Flüchtlinge werden im Einwohnerverhältnits bei uns aufgenommen. Unser BIP übersteigt das von Malta um das 318-fache bei knapp weniger Füchtlingslast.

Was Deutschland, Ungarn und Malta gemeinsam haben: wir befinden uns alle im obersten Bereich des „Human Development Index„. Dieser setzt sich aus Pro-Kopf-Einkommen, durchschnittlicher Schulbildung und Lebenserwartungsdaten zusammen. Deutschland befindet sich hier auf Platz Nummer 6, die Türkei auf Platz 69, der Libanon auf 65, Jordanien auf 77, Ägypten auf Platz 110, der Irak auf 120. Basierend auf Daten von 2014  (hier der Übersicht halber gerundet) nahm Europa mit 132.000 4% der Flüchtlinge auf (Heute: 6%). Allein 1.17 Millionen fielen zu dieser Zeit auf den Libanon, 363.000 auf Ägypten und Irak, 789.000 auf die Türkei und 602.000 auf Jordanien.

Angesichts der Tatsache wo diese Staaten auf der BIP- und Entwicklungsskala liegen, ist es meiner Erachtens nicht zu viel verlangt, dass Staaten mit einem erdrückend vielfachem an Handlungsspielraum auch helfen. Oder um es im Verhältnis Deutschland zu Jordanien zu sagen: Jordanien hat 6,5 Millionen Einwohner und ein BIP von 33860 Millionen Dollar und nahm dabei 602000 Flüchtlinge auf. Das ist fast 5 mal so viel wie ganz Europa im selben Zeitraum.

Ich sehe hier  keinen Grund zur Beschwerde über die „Last“, die uns hier auferlegt wird. Wir sind einer der dicksten Fische im Teich, warum sollten wir anderen keine Hilfe zukommen lassen? Es geht uns hier DEUTLICH besser als 98% der restlichen Bevölkerung auf diesem Erdball. Ich erinnere daran, dass 1 von 9 Menschen heute abend nicht genug zu essen haben wird. Mehr Menschen sterben weltweit an Hunger als aufgrund von AIDS, Malaria und Tuberkolose zusammengefasst.

Für weiter Daten und eine tiefere Zusammenfassung geht es hier zum gesamten Artikel.

Das Problem am Grunde oder: warum es „nicht unser Problem“ nicht gibt

Gerne wird an Symptomen, also Auswirkungen, herumgedoktort, aber aber nicht an den Ursachen. Diese sind meistens sehr abstrakt, also schwer gedanklich zu erfassen, oder „weit weg“ auch bekannt als „nicht vor unserer Haustür. Das große Problem hierbei ist eine Entdeckung von Kopernikus und Galilei: die Erde ist rund. Wir betrachten Nationalstaaten als fixe Konstrukte, die es „schon immer gab“ und immer geben wird. Dabei ist dieses Konstrukt geschichtlich gesehen erst sehr jung. Keiner weiß, wie lange sich dieses Prinzip halten kann und wird. Unsere Grenzen sind fiktiv, selten natürlich. Wir haben sie erfunden. Am Ende sind wir aber noch immer alle zusammen auf einer Kugel eingepfercht und miteinander vernetzt, ob wir es wollen, oder nicht. Nationalstaaten sind auch keine geschlossenen Systeme, wir können ohne die anderen nicht existieren. Wir können die besten Produkte produzieren – wenn sie keiner kauft (kaufen kann), dann gehen wir genauso ein. Das aktuelle Flüchtlingsaufkommen ist ein kombiniertes Problem. Auch wenn es schade ist: kaum etwas hat nur eine Ursache. Momentan rächen sich viele Dinge aus ferner und junger Vergangenheit auf einmal.

  • Extreme Ungleichheit in Entwicklung und Einkommen, oft zu erheblichem Anteil von früh entwickelten Indrustriestaaten verschuldet wie zum Beispiel die direkte Ausbeutung junger afrikanischer Volkswirtschaften, die keinerlei Möglichkeit hatten eigene Wirtschaftskomplexe zu entwickeln und von Ausländischen Investoren überrollt wurden
  • Geopolitische / Wirtschaftspolitische Interessen und deren militärische Sicherung (Zum Beispiel Öl, Gas, siehe z.B. Irak)
  • Unsere Fixierung auf monetäre Werte, Rohstoffe & deren Sicherung statt humanitäre & ernst gemeinte wirtschaftliche Hilfe zu leisten
  • Die Nichtakzeptanz dessen, dass unser Lebensstil global nicht haltbar wäre. Wir bräuchten alleine vom Rohstoffverbrauch her 2,6 Erden, wenn alle so leben würden wie wir. Wir haben kein „Erfolgsrezept“ entwickelt, sondern  ein Rezept zur hochtechnisierten Selbstzerstörung auf dem Luxusdampfer, der mit dem Blut und dem Verzicht Anderer angetrieben wird, die nicht vor unserer Haustür leben, sondern gefühlt weit weg. Wer sich hier näher beschäftigen möchte, kann gerne Nachforschungen betreiben, warum beispielsweise Speichermedien so günstig sind oder direkt ein „Praktikum“ in einer philippinischen Festplattenfabrik antreten.

Das Wichtigste daran ist jedoch: Es werden definitiv noch mehr Flüchtlinge kommen, ob wir das wollen oder nicht. Damit kommen wir zum nächsten Teil:

Klimawandel und Failed States

Auch der Klimawandel existiert, ob wir es wollen oder nicht – wobei auch egal ist, ob wir ihn verschuldet haben, oder nicht. Dadurch lassen sich bereits jetzt einige Folgenschwere Verschiebungen feststellen. Natürliche Grenzen werden wegfallen, wie zum Beispiel der Aralsee, der in Wikipedia bereits in der Vergangenheitsform angesprochen wird.

Der Aralsee (…) war ein großer, abflussloserSalzsee in Zentralasien und zerfiel um die Jahrtausendwende wegen Austrocknung in mehrere Teile: Es bestehen heute der ehemalige Nordteil und der westliche Rest des ehemaligen Südteils sowie weiter südlich der schon früher abgetrennte Aibugirsee. Die seit etwa 1960 zunehmende Austrocknung des Sees stellt weltweit eine der größten vom Menschen verursachten Umweltkatastrophen dar. Mit ursprünglich rund 68.000 Quadratkilometern Ausdehnung war der Aralsee früher der viertgrößte Binnensee der Erde. (Quelle: Wikipedia)

Der See selbst lässt eine natürliche Grenze zwischen Kasachstan und Usbekistan verschwinden, was zu territorialen Konflikten führen kann. Andere Regionen sind davon genauso betroffen, weswegen ganze Landstriche ungeeignet zur Nahrungsproduktion werden werden und weitere Flüchtlingsströme auslösen, da viele betroffenen Staaten den Veränderung auch technologisch nichts entgegenzusetzen haben. Die, die ohnehin nur wenig haben, werden um ein vielfaches härter getroffen als diejenigen, die ohnehin im internationalen Vergleich im Überfluss leben. Hier erinnere ich noch einmal daran, dass selbst die Ärmsten in unserem Land noch um ein vielfaches besser leben, als der Großteil der Weltbevölkerung. Auch in Deutschland geht die Einkommensschere immer weiter auseinander, aber das ist ein anderes Thema und gehört nicht in diese Erörterung.

Failed States

Der Begriff tauchte erstmals Anfang der 90er auf als man feststellte, das Staaten als Autorität auch scheitern können. Ein gescheiterter Staat bedeutet, dass der Staat seine Funktion nicht mehr erfüllen kann. Momentan gibt es folgende Theorien für das Scheitern von Staaten:

  • Neoliberale Strukturanpassungsprogramme. Die Schuldenkrise in den 80ern trieb viele Dritte-Welt-Länder in die Notwendigkeit einer Kreditaufnahme (IWF und Weltbank). Diese kamen aber mit dem Zwang einher viele Betriebe zu privatisieren, öffneten also externen Investoren Tür und Tor. Dadurch wurden Staatsausgaben gesenkt, aber auch das Einkommen reduziert, woraufhin soziale Ausgaben gekürzt wurden und der Staat von der Bevölkerung nicht mehr anerkannt wurde. Daraufhin wurde vermehrt Repression verwendet, um den Staat zusammenzuhalten, was am Ende zu einer Legitimitätskrise und dem Zerfall der staatlichen Autorität führte.
    (Persönliche Ansicht: Siehe Erde ist rund & nicht unser Problem weiter oben)
  • Kolonialzeit. Kurz gefasst: es bestand damals keinerlei Interesse funktionierende Staaten zu bilden. Bestehende Autoritäten wurden entfernt und am Ende nicht durch Neue ersetzt. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden marode Staaten in die Unabhängigkeit entlassen.
    (Persönliche Ansicht:  Zynisch gesagt könnte man sagen die Staaten wurden „zum Verrecken liegengelassen“, nachdem man sie ausgesaugt hatte. Damals befand sich auch nur wenig global-wirtschaftliches Know-How in den jeweiligen Ländern, weswegen unter anderem auch kein Wirtschaftsprotektionismus wie in der frühen Tagen der USA installiert wurde. Außerdem hatten die von externen Investoren privatisierten Betriebe auch etwas dagegen, was vermutlich zu intensivier Lobbyarbeit oder deutlich graueren Praktiken führte)
  • Ende des Kalten Krieges. Während des kalten Krieges wurden viele diktatorische Regime, die im eigenen Land teils wenig Legitimation genossen, aus ideologischen oder wirtschaftlichen Gründen an der Macht gehalten. Sei es durch Waffenlieferungen oder wirtschaftliche Unterstützung. Nach dem Aus der Sowjetunion waren diese fragilen Konstrukte nicht mehr Lebensfähig und wurden von der Opposition oder Rebellengruppen aus dem Weg geräumt. Zurück blieben komplett destabilisierte Staaten, die von verschiedensten an die Macht strebenden Interessengruppen weiterhin in der Schwebe gehalten wurden und werden.

Die Top Länder auf dem Failed State Index sind der Südsudan, Somalia, die Zentralafrikanische Republik, der Kongo, und der Sudan. Danach folgen: Tschad, Afghanistan, Jemen, Haiti und Pakistan. Am letzten (178) und besten Platz findet sich Finnland wieder. Deutschland befindet sich übrigens auf Platz 165.

Warum wollen sie „alle hier her“?

Dass das von den Zahlen her nicht stimmt wissen wir ja jetzt. Trotzdem eine Erklärung für die Anderen, die versuchen in ein reiches Land einzuwandern, legal oder illegal:
Stellt euch vor ihr werden geboren und habt überhaupt keine Perspektive. Keine. Null. Euer Staat ist gescheitert, ihr seid einfach zur falschen Zeit am falsche Ort (z.B. momentan Syrien), die IS rennt über eure Heimat drüber. Oder ihr seid 1994 Tutsi und kein Hutu gewesen (Völkermord in Ruanda). Ihr seid nicht wirklich gebildet, aber ihr wisst eines ganz genau: diese Land wird sich niemals von selbst erholen können. International besteht auch kein Interesse daran etwas zu ändern. Im schlimmsten Falle habt ihr bereits eine Familie, die nun gefährdet ist und eine gute Chance besteht, einfach zu sterben oder das gesamte Leben in bitterer Armut zu verbringen, obwohl ihr im Fernsehen (im Schaufenster) oder im Netz oder in anderen Medien seht, wie Menschen anderer Nationalitäten sich die schwarze Zuckerbrause mit dem roten Label kästenweise kaufen und eine der größten Volkskrankheiten das Übergewicht ist. Vermutlich würdet ihr alles daran setzen auch dort hin zu kommen. Genau wie sich hier in Deutschland viele Menschen den Entwicklungen von Politik und Wirtschaft gegenüber machtlos sehen, geht es wahrscheinlich den meisten Menschen „dort“ auch. Egal ob Gambia, Syrien, Afghanistan, Haiti oder dem Jemen. Deswegen machen die meisten Menschen in Ungarn auch nicht halt, um beim aktuellen Thema zu bleiben. Dort sind die Perspektiven nicht besser. Man ist nicht mehr unmittelbare mit dem Tode bedroht – das war es aber auch schon. Ungarn hat – im Gegensatz zu Deutschland – wirklich nicht die Kapazitäten um sich um die zu kümmern, die in der Flüchtlingsdiskussion  gerne als „alle“ bezeichnet werden. Noch 20,30,40,50 Jahre leben vor dir und deinen Kids, aber keinerlei Perspektive, weil nicht mal deine Ausbildung anerkannt wird. Es gibt tausende von Menschen aus westlichen Industrieländern die sich schon aus deutlich weniger schwerwiegenden Gründen von Brücken gestürzt haben. „Bleib daheim und bau dein Land auf“ ist auch keine Option, da kaputte Volkswirtschaften bereits schon so tief im Griff der Top 20 Volkswirtschaften dieser Welt sind, dass ohne deren aktive Mitarbeit dort nichts entstehen kann. Ein weiteres Stichwort hierfür ist auch noch die Kriegswirtschaft, auf dieses Thema müsste man aber auch gesondert eingehen (wie auf so viele hier).

Also? Ab hier wird’s rein persönlich:

Wir können die Leute nicht einfach wieder heimschicken. Auch vermutlich auf lange Sicht nicht. Es werden immer mehr werden. Und ja: es IST kompliziert. Mechanismen müssen gefunden werden, die an den Ursachen ansetzen und die extreme Ungleichheit auf unserer Erde bekämpfen. Ausgeglichene Menschen sind deutlich weniger anfällig für religiösen oder anderweitig ideologischen Extremismus, lassen sich also auch deutlich schwer für die Machtgier einiger weniger instrumentalisieren.

Damit solche Mechanismen jedoch gefunden werden können bzw. sich die Anstrengungen vervielfachen, muss politischer & wirtschaftlicher Druck ausgeübt werden. Und zwar nicht auf Flüchtlinge oder andere Minderheiten. Die leiden unter denselben Auswüchsen  wie in Armut lebende Deutsche oder Engländer, nur eben in deutlich ausgeprägterer Form. Druck muss auf die politische & wirtschaftliche Elite ausgewirkt werden. Also geht auf die Straße, beschwert euch, informiert euch und haut auf die Tonne. Engagiert euch bei Aktionen, gebt eure Unterschriften ab und akzeptiert nicht mehr, dass andere Menschen, Menschen wie du und ich, unterdrückt, gejagt, gefoltert oder anderweitig benachteiligt werden nur aus dem Grund im „falschen“ Eck der Welt geboren worden zu sein. WIR sind vorne, also sind WIR mitverantwortlich. Oder anders gesagt: auch wenn man es nicht sieht – es passiert alles trotzdem und wirklich. Und jetzt klopft alles an unsere Tür, was wir getan oder unterlassen haben.

Ich hoffe, dass wir menschenwürdige Lösungen dafür finden, die sich nicht ausschließlich an wirtschaftlichen Kennzahlen orientieren.

Was ein Affe übrigens macht, wenn es sinnlos ungerecht wird, das sehr ihr hier.